Die St. Placiduskirche in Disentis – ein erhaltungswürdiges Kulturgut
Peter Durgiai

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Baugeschichtlich ist die am Osteingang von Disentis freistehende und talauf, talab als Wahrzeichen, von weitem sichtbare kleine Placiduskirche eine der ältesten sakralen Bauten in der ganzen Gegend. An der Stelle, wo der junge Placidus, der vertraute Gefährte des aus Franken stammenden Eremiten Sigisbert, von den Schergen des in Chur herrschenden Präses Victor ermordet worden war, ist nach glaubwürdigen Quellen aus dem 12. Jh., um das Jahr 804 eine kleine Kapelle erbaut worden. Das Jahr der Ermordung des Placidus ist nicht mehr nachweisbar. Es darf um etwa 720 angenommen werden. Hingegen gilt auf Grund von Quellen aus dem 10. Jh. als sicher, dass die Ermordung an einem 11. Juli stattgefunden hat. Seit der um 750 erfolgten Klostergründung werden die beiden Ortsheiligen Sigisbert und Placidus als Schutzpatrone des Klosters verehrt, der heilige Placidus ganz besonders an seinem Todestag, am 11. Juli jeden Jahres.
Grabungen im Jahre 1923 haben ergeben, dass die erste Placiduskapelle aus dem Jahre 804, im Gegensatz zur heutigen Kirche, mit dem Chor nach Osten gerichtet war. Im Januar 1458 ist diese Kapelle durch eine Lawine zerstört und im gleichen Jahre wieder aufgebaut worden. Diese zweite Kapelle ist 200 Jahre später abgebrochen und im Jahre 1655 durch die heutige barocke Kirche ersetzt worden, die am 3. September 1658 eingeweiht worden war. Als Baumeister wird Domenico Barbieri aus Roveredo im Misox genannt, dem wenige Jahre später der Wiederaufbau des im Jahre 1661 eingestürzten Westflügels der bischöflichen Residenz in Chur übertragen worden war. Daraus darf man wohl schliessen, dass die heutige Placiduskirche von einem damals als tüchtig und erfahren anerkannten Baumeister erbaut worden ist. Es darf hier wohl erwähnt werden, dass aus dem Geschlecht der Barbieri, das heute in Roveredo noch sesshaft ist, bedeutende Baumeister – damals «magistri» genannt – hervorgegangen sind, die nicht nur in der engeren Heimat, sondern vor allem in Süddeutschland gewirkt haben. Bereits im Jahre 1619 ist in der bayerischen Bischofsstadt Eichstätt ein Martino Barbieri aus Roveredo nachweisbar. Ein Enkel des Erbauers der St. Placiduskirche, Giovanni Domenico Barbieri, wirkte seit 1747 als bischöflicher Domkapitel-Baumeister in Eichstätt, wo er 1764 gestorben ist.
Die nach Südosten und gegen die Kantonsstrasse gerichtete Fassade wirkt in ihrem barocken Stil sehr vornehm. Unter dem Giebel ist die Jahreszahl 1655 angebracht. Die drei oben mit einem Bogen endenden Nischen der Fassade sind mit beachtenswerten Malereien geschmückt: über der Eingangstüre die Muttergottes, rechts und links davon die beiden Klosterheiligen Sigisbert und Placidus. Als ältester Bestandteil der Kirche darf wohl die kleinere der beiden Glocken im Turm betrachtet werden. Sie trägt die Inschrift «anno domini MCCCCLII» (1452), woraus man wohl schliessen darf, dass sie aus der im Jahre 1456 durch eine Lawine zerstörten ersten Placiduskapelle stammen dürfte. In der Innenausstattung der Kirche stammen lediglich die beiden Seitenaltäre aus der Bauzeit (um 1655); der Hochaltar mit dem Gemälde der beiden Klosterheiligen Sigisbert und Placidus ist jüngeren Datums (2. Hälfte des 18.Jh.). Die ebenfalls aus der Bauzeit stammenden Wandmalereien in den Nischen sind leider schlecht erhalten und zum Teil beschädigt. Das einschiffige Kircheninnere erhält sehr viel Licht, am Vormittag von Osten und am Nachmittag von Westen.
Dass die heutige St. Placiduskirche bei ihrem Bau im Jahre 1655 in der Längsachse nach Norden gegen die Val S. Placi ausgerichtet wurde und nicht mehr nach Osten, wie es bei den beiden vorausgegangenen Kapellen der Fall war, ist wohl darauf zurückzuführen, dass bereits damals die Lawinenniedergänge aus der Val S. Placi bekannt und gefürchtet waren. In weiser Voraussicht hatte man seinerzeit am viereckigen Turm einen massiven, keilförmigen Lawinenbrecher angebaut, der bis in die heutige Zeit die Kirche wirksam geschützt hat. Beim vorletzten Lawinenniedergang, im Februar 1978, hatte die Kirche keinen Schaden erlitten, während das auf dem nahe gelegenen Hügel Muotta S. Placi im Jahre 1910 erbaute Ferienhaus der Familie Mittelholzer erheblich beschädigt worden war. Dank den vor wenigen Jahren im unteren Teil der Val S. Placi errichteten Schutzwällen und dem Lawinenbrecher hat die Placiduskirche der mächtigen und verheerenden Grundlawine vom 9. Februar dieses Jahres im wesentlichen standgehalten. Wohl haben die durch den Lawinenbrecher abgeleiteten Schneemassen die an der Westwand angebaute Sakristei weggefegt und vor allem hat der gewaltige Luftdruck am Dach der Kirche und des Turmes beträchtliche Schäden angerichtet. Ausserdem sind die Fensterscheiben eingedrückt worden, wodurch Schnee in das Innere der Kirche geweht wurde. Zudem sind alle die Kirche umgebenden Bäume und Sträucher umgelegt und vernichtet worden.


Die Plazikapelle in Disentis
P. Iso Müller

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Der Ort des Heiligtums ist sehr aussagekräftig, denn der alte Weg führt von Disla hinauf zur Ebene des Klosters. Hier konnte man leicht jemanden beim Aufstieg, wohl durch einen Wald, überraschen. Dafür spricht eine alte Tradition, dass St. Placidus hier von den Häschern eingeholt und niedergeschlagen wurde {um 700). Davon berichtet uns schon die Ende des 12. Jh. entstandene Passio St. Placidi. Sie datiert die dortige erste Kapelle ins 9. Jh. Sie lag ausserhalb der heutigen Kapelle gegen Osten hin und bestand aus einer gerade hintermauerten Apsis, die 1923 leider nur unvollständig ergraben und dann wieder zugedeckt wurde. Die altertümliche Form darf man ruhig ins 9. oder 10 Jh. setzen.
1458 beschädi9te eine Lawine die Kapelle, die wiederum im früheren Umfange errichtet wurde. Deren Altar ist in der jetzigen Kapelle {hinten rechts) erhalten. In diesem Altar oder unter diesem Altar war ein Schacht, durch den man nach mittelalterlicher Uebung kranke Gliedmassen, Tücher oder Andenken unter Gebet hineinliess, weil man diesen Platz als Hinrichtungsstelle des hl. Placidus betrachtete. Besonders Kopfwehkranke suchten hier Heilung. Dieses fromme Brauchtum erhielt sich noch bis Ende des 19. Jh.
Die dritte jetzige Kapelle wurde ganz neu aufgeführt und nach Norden orientiert. Man wollte den Landesheiligen in der Barockzeit, wo deren Kult so blühte, ein würdiges Denkmal errichten. Vollendung 1655, Einweihung 1658. Baumeister war Domenico Barbieri von Roveredo, der in gleicher Weise später die Kirche in Laax baute. Das Beste an der ganzen Kirche ist ihre reiche belichtung von Osten und Westen.
Der Hochaltar stammt erst aus der 2. Hälfte des 18. Jh. und besteht aus Holz. Das Bild der Klosterheiligen stuft Poeschel als «belanglos» ein. Die beiden Seitenaltäre sind aus Stucco und datieren aus der Bauzeit {um 1655). Es sind aber «derbe Arbeiten» in schweren dunklen Tönen {Poeschel). Bemerkenswert ist in der Sakristei ein Kelch von 1565. Eine Orgel fehlt.

Das Inventar ist mithin nicht grossartig. Aber die Architektur der Kapelle in hellem Barock, ihre weithin sichtbare Lage am Eingang des Dorfes, auch ihre Lawinenbrecher, müssen als wesentlich für das ganze Bild des Dorfes hervorgehoben werden.