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Wo bin ich – und warum ist dieser Weg besonders?

Die Via Franciscana del Lucomagno war schon vor über tausend Jahren eine wichtige Verbindung durch die Alpen. Sie führte von Konstanz im Norden bis nach Pavia im Süden und war rund 510 Kilometer lang. Händler, Pilger, Säumer – und sogar Kaiser – nutzten diesen Weg auf ihren Reisen zwischen Nord und Süd.

Eine zentrale Rolle spielte dabei der Lukmanierpass. Weil er vergleichsweise niedrig und gut begehbar ist, gehört er zu den ältesten belegten Übergängen über den Alpenhauptkamm. Der Weg führte entlang des Rheins bis zum Kloster Disentis/Mustér, dessen Konvent über Jahrhunderte hinweg für den Unterhalt des Saumwegs verantwortlich war.

Bedeutende Herrscher wie Kaiser Otto I. um 950 und Friedrich I. Barbarossa rund 200 Jahre später nutzten diese Route. Überlieferungen lassen zudem vermuten, dass auch frühere Heereszüge – möglicherweise bereits im frühen Mittelalter – denselben Übergang kannten.

Ein besonders gut erhaltener Abschnitt dieses grossen Wegnetzes ist die Gassa Sontga Gada zwischen Disentis/Mustér und Mumpé Medel. Als schmaler, von Mauern gefasster Weg ist sie im Gelände bis heute sichtbar und macht den vormodernen Verkehrsraum weiterhin erlebbar.

Die Via Franciscana del Lucomagno

  • Verbindung von Konstanz (Nord) nach Pavia (Süd)
  • Länge: ca. 510 km
  • Wichtige Alpenquerung über den Lukmanierpass
  • Teil einer Kaiser- und Pilgerroute nach Rom
  • Nutzung seit der spätrömischen Zeit

Wie wurde hier gearbeitet und gelebt?

Die Trockenmauern der Gassa Sontga Gada sind nicht an einem einzigen Tag entstanden. Sie wuchsen über Generationen hinweg aus der täglichen Arbeit der Landwirtschaft. Beim Mähen der Wiesen sammelte man Steine aus dem Boden, um Sense und Werkzeug zu schonen – und legte sie gleich neben dem Weg wieder ab. Die meisten Steine kamen jedoch durch das Pflügen aus den Äckern an die Oberfläche. Nur kleinere Steine, die etwa durch Maulwürfe auf die Wiesen gelangten, wurden im Frühling von Hand aufgelesen. So entstand die Gassa Stein für Stein und wurde zwischen den Nutzflächen räumlich gefasst.

Das Auflesen dieser Steine gehörte oft zu den Aufgaben der Kinder. So waren bereits die Jüngsten in die landwirtschaftliche Arbeit eingebunden und halfen mit, Felder und Wege nutzbar zu halten.

Mauern wurden immer wieder verändert. Zeitweise baute man sie ab, um Steine für Häuser oder Stallungen zu verwenden. Später wurden neue Mauern errichtet – oft hinter provisorischen Holzzäunen. Dadurch rückten die Mauern allmählich näher an den Weg, und die Gassa wurde bewusst schmaler. So blieb mehr Platz für die Bewirtschaftung der Felder.

Damit sich Menschen und Tiere dennoch begegnen konnten, entstanden Ausweichstellen – kleine Aufweitungen im Mauerverlauf. Trotz dieser Veränderungen blieb die Gassa stets ein Fuss- und Saumweg. Sie war nie für Wagen gedacht und wird bis heute nicht verbreitert oder befahrbar gemacht. Gerade deshalb ist sie noch immer als vormoderner Verkehrsraum erlebbar.

Auch bei heutigen Instandsetzungen geht man besonders behutsam vor. Bestehende Fundamentsteine und gut erhaltene Mauerabschnitte werden möglichst an Ort und Stelle belassen. So bleibt die gewachsene Geometrie der Gassa erhalten – und der Weg erzählt seine Geschichte weiter.

Was genau passiert an dieser Stelle?

Der hier sichtbare Stein mit der Inschrift  «23 C» markiert eine frühere Grundstücksgrenze. Solche Grenzsteine zeigen, dass die Gassa Sontga Gada mehr war als nur ein Weg: Sie trennte und ordnete zugleich die Nutzflächen der Landwirtschaft. Der Weg regelte damit nicht nur die Bewegung von Menschen und Tieren, sondern auch Eigentum, Nutzung und Verantwortung.

Die Markierung wurde zur besseren Lesbarkeit weiss nachgezeichnet. Sie macht sichtbar, wie genau und verbindlich Grenzen früher im Gelände festgelegt wurden – mitten im Alltag.

Die Trockenmauern entlang der Gassa sind ohne Mörtel gebaut. Ihre Stabilität entsteht nicht durch Bindemittel, sondern durch das sorgfältige Setzen der Steine, ihr Eigengewicht und eine leichte Neigung nach innen. So bleiben die Mauern dauerhaft stabil, lassen Wasser durchfliessen und können sich bei kleinen Setzungen bewegen, ohne einzustürzen.

Diese Bauweise verbindet handwerkliches Wissen, Erfahrung und Anpassung an die Landschaft – und macht die Mauern bis heute funktionstüchtig.

Die 10 goldenen Regeln des Trockenmauerbaus

Warum diese Regeln bis heute gelten

Trockenmauern sind beweglich statt starr. Sie können sich geringfügig setzen, ohne zu brechen, und reagieren flexibel auf Feuchtigkeit, Frost und Bodenbewegungen. Genau diese Eigenschaften erklären, warum viele dieser Mauern seit Jahrhunderten Bestand haben.

Gleichzeitig schaffen sie wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere und prägen das Landschaftsbild. Der Bau und Erhalt von Trockenmauern verbinden daher Handwerk, Kulturlandschaft und ökologische Qualität – damals wie heute.

Wer hat hier gearbeitet – und warum ist das wichtig?

Im Frühjahr 2026 wurde ein Teil der Gassa Sontga Gada zur Lernwerkstatt unter freiem Himmel. Lernende Maurerinnen und Maurer aus der Surselva arbeiteten hier an den historischen Trockenmauern und lernten eine Bauweise kennen, die heute nur noch selten angewendet wird: ohne Mörtel, ohne Maschinen – Stein für Stein.

Unter fachkundiger Anleitung erfuhren sie, wie man Steine richtig auswählt, ihr Gewicht nutzt und Mauern so aufbaut, dass sie dauerhaft stabil bleiben. Diese Arbeit verlangte Geduld, Kraft und Genauigkeit – Fähigkeiten, die im modernen Baustellenalltag oft kaum noch geübt werden können.

Der Einsatz verband Ausbildung mit echtem Kulturerhalt. Die Lernenden halfen mit, die historischen Mauern zu sichern, und sammelten Erfahrungen, die über ein Lehrbuch hinausgehen. So bleibt traditionelles Handwerk lebendig – und mit ihm eine kulturhistorisch geprägte Landschaft sowie ein Weg, der auch in Zukunft begangen werden kann.

Wer hier mitgearbeitet hat

  • 16 Lernende Maurerinnen und Maurer aus der Surselva im 1.–3. Lehrjahr.
  • Sie kamen u. a. aus Disentis/Mustér, Vella, Rabius, Ilanz, Flims, Falera, Rueun und Sedrun und arbeiteten während eines einwöchigen Kurses an den historischen Trockenmauern der Gassa Sontga Gada.
  • Unterstützt durch den Graubündnerischen Baumeisterverband und begleitet von erfahrenen Fachpersonen.